Das Jahrhundertmagazin

Was tickt da in der Ostsee?

Nach dem Zweiten Weltkrieg
versenkten die Alliierten tausende
Tonnen Munition und Waffen
vor den Küsten der Ostsee. Dort,
wo sich Menschen erholen und
Tiere leben, tickt eine Zeitbombe.

  • Von Elisabeth Krainer
  • 15. August 2026
  • 11 Min. Lesezeit

In diesem Kalifornien ist die Welt noch in Ordnung. Statt Santa Monica gibt es spröde Ostseeidylle, im Blick nichts als Meer, vielleicht noch das ein oder andere Containerschiff, so klein am Horizont, als könnte man es mit dem Zeigefinger wegschnipsen. Der Strand, ungefähr eine Stunde Busfahrt östlich von Kiel, hat nichts mit seinem Namenspatron zu tun. Angeblich stammt der Name von einem angeschwemmten Schiffsteil. Das norddeutsche Kalifornien liefert diese Art von Postkartenmotiv, das einem sofort die Synapsen streichelt, wenn das Wort Ostsee fällt. Familien, Rentner:innen, Sportler:innen zwischen Strandkörben, während der Wind durchs Dünengras fegt, alles ist gut, nichts tut weh.

Etwa drei Kilometer westlich von Kalifornien liegt das Seegebiet Kolberger Heide, eine sogenannte Verklappungszone. Als Nazideutschland im Mai 1945 kapitulierte, mussten die Alliierten Lösungen für die Millionen Tonnen an intakter Munition finden. Die Briten hatten Sorge vor einem Partisanenkrieg, würden die Waffen nicht entsorgt. Die einfachste Lösung: Munition ins Meer. Das war günstig und ging schnell. Dass die Kampfmittel der Umwelt schaden könnten, war in den Nachkriegsjahren zweitrangig, ausserdem war es weltweite Praxis, Waffen und Müll im Meer zu versenken. Küstenländer, die im 20. Jahrhundert in Kriege verwickelt waren, sind damit bis heute belastet.

Der Gedanke dahinter: Schädliche Stoffe wie TNT, Senfgas oder Phosphor würden sich durch die gigantischen Wassermassen verdünnen und irgendwann auflösen. Das sollte auch für Atommüll gelten. Ab 1946 versenkten die USA, Grossbritannien, die Schweiz und die Sowjetunion Fässer mit radioaktivem Material in den Weltmeeren. Verboten wurde die Praxis erst 1994 durch die Londoner Konvention zum Schutz der Meere. Das Versenken von Kriegsmunition wurde schon 1975 untersagt.

Die grosse Frage: britisch oder sowjetisch deponiert? 

Torpedos, Granaten, Seeminen, Panzerfäuste: Insgesamt wurden in Nord- und Ostsee rund 1,6 Millionen Tonnen Munition abgeladen. Auch V1-Flugkörper liegen seit etwa 80 Jahren unter Wasser. Jeder Einzelne dieser Marschflugkörper fasst etwa 850 Kilo des Sprengstoffs TNT. In der Ostsee liegen insgesamt rund 300’000 Tonnen verschiedenster Kampfmittel. Das meiste davon ist deutsche Munition, die zwar intakt ist, deren Zünder die Alliierten vor der Versenkung zum Teil aber entfernten. Im Wasser liegen auch Blindgänger der Alliierten, die abgeschossen oder für sichere Landungen abgeworfen wurden, aber nicht explodierten.

Im Küstenland Mecklenburg-Vorpommern, der ehemals sowjetischen Besatzungszone, wurden die Waffen nach dem Krieg ohne Aufzeichnungen und Pläne ins Meer gekippt. In Schleswig-Holstein lief das anders: In ordentlich britischer Manier, sortiert nach Marine- oder Landwaffen, Kleinmunition in Holzkisten und Grosskaliber. Allein in der Kolberger Heide vor der Kieler Förde sind es etwa 30’000 Tonnen. Nicht einmal zwei Kilometer vom nächsten Strand entfernt, zum Teil in nur zehn Metern Tiefe. Sie rosten.

In der Kieler Förde erinnert nichts an Bomben und Zerstörung. Die Seewege in der schmalen Bucht, die ins Herz der Küstenstadt ragt, sind stark befahren, Fähren, Segelboote, wolkenkratzerhohe Kreuzfahrtschiffe teilen sich das Wasser. Im Juni zeigte sich in Heikendorf an der Förde, was unter der Wasseroberfläche schlummert. «Es sah aus wie ein Stück altes Brötchen», sagt Sylvia Soggia. Sie ist die erste Vorsitzende der Heikendorfer Seebadeanstalt: ein kleiner Schwimmverein mit Badestelle.

Ein u-förmiger, betonierter Steg mit Holzbänken, weissen Plastikstühlen und einer Metallrutsche ragt dort ein paar Meter ins Wasser. Sylvia Soggia, selbst Schwimmerin, liebt diesen Ort, die kleine Hütte mit Garderoben, einem Kiosk, der beachtlichen Sammlung quietschbunter Schwimmtierchen. Einer der Rettungsschwimmer wollte das Brötchen-Ding wieder ins Wasser kicken, als es über den Beton des Stegs rollte, wurde es zum Feuerball. Da war klar: Das ist weisser Phosphor. Verwendet in chemischen Kriegswaffen, vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg.

Unter Wasser ist Phosphor über Jahrzehnte beständig, es bleibt hochgiftig. In sauerstoffarmen Gewässern kann es Phosphin freisetzen, tödlich für Fische und andere Meereslebewesen. Trocknet weisser Phosphor, genügt Körpertemperatur, damit er sich entzündet. Für die Seebadeanstalt war es das erste Mal, dass Kampfmittel auf ihrem Steg landeten, der sonst zum Schwimmen, Spielen, Entspannen genutzt wird. «Wir hatten keine Gäste, wir steckten in den Vorbereitungen für die Saison. Unsere Rettungsschwimmer:innen haben mit dem Kick ins Wasser instinktiv richtig gehandelt», sagt Soggia. Als der Phosphorklumpen Richtung Strand trieb, sammelten sie ihn in einem Eimer mit Wasser ein und riefen die Polizei, dann den Kampfmittelräumdienst. Ohne die Feuershow hätten sie den Phosphor nicht erkannt. Der Verein schickte Fotos per E-Mail herum, damit alle Bescheid wissen, was im Zweifelsfall zu tun ist. Der Klumpen in der Badeanstalt war eher gross und unförmig, nichts, was man aufheben und einstecken würde. Schwieriger sind kleinere Funde: Viele Strandbesucher:innen verwechseln sie mit Bernstein, sammeln die Klümpchen, stecken sie in Taschen. «Und plötzlich brennt deine Hose», sagt Soggia.

Zonen, in denen nichts mehr wächst
und nichts mehr lebt

Die Bedrohung durch die Munitionsaltlasten ist subtil. Noch sind die Bomben nicht vollständig durchgerostet, noch tritt wenig Sprengstoff ins Meerwasser aus. «Für mich als Schwimmerin fühlt sich das Wasser immer gleich an», sagt Soggia. Deshalb würden sich Badegäste bisher nicht so sehr um die Munition sorgen, das Bewusstsein sei da, habe aber keinen Einfluss auf ihren Alltag, sagt sie. Was der Mensch nicht sieht, das kümmert ihn nicht – auch wenn es sich um tonnenschwere Kriegsbomben handelt, die dafür gemacht wurden, ganze Landstriche auszulöschen.

Tier- und Umweltschutzvereine warnen seit Jahren vor den Folgen, die die Korrosion der Munition nach sich ziehen könnte. TNT ist krebserregend für Mensch und Tier. Plattfische aus Sperrgebieten mit Munition weisen zum Teil heute schon vermehrt Lebertumore auf, auch Muscheln aus kritischen Zonen nehmen die Schadstoffe auf. Neben den Sprengstoffen landen durch die Munition auch Schwermetalle wie Quecksilber, Arsen oder Blei im Wasser. Die Messwerte sind in den Versenkungsgebieten zum Teil erhöht, gefährlich für die Nahrungskette ist das heute noch nicht. Das kann sich mit fortschreitender Korrosion ändern. Sind die Schadstoffe einmal im Meer, lässt sich das nicht mehr rückgängig machen. Als hätte die Ostsee nicht schon genug Probleme: Durch die langsame Umwälzung des Binnenmeers findet wenig Wasseraustausch statt, das Gewässer ist sensibel. Lange wurden Düngemittel und andere Abfälle im Meer entsorgt, die Schifffahrt und die industrielle Fischerei destabilisieren sie zusätzlich.
In der Ostsee gibt es Todeszonen. Dort wächst und lebt: nichts.

Warum holt man nicht zumindest die Bomben da raus, bevor Sprengstoff im Wasser und unserer Nahrungskette landet? Die kurze Antwort: Es ist kompliziert. Im Meer treffen viele Interessensgruppen aufeinander, die alle von der See leben. Die Schifffahrt, der Tourismus, Wassersportler:innen, Fischer:innen, Politiker:innen, die in den letzten Jahren Transportwege übers Wasser immer häufiger als politisches Werkzeug eingesetzt haben, oder Menschen, die einfach ungestört auf den Horizont starren wollen, ohne dabei an Weltkrieg und Bombenhagel zu denken. Das macht es schwierig, sich nicht in Einzelinteressen zu verlieren. Dazu kommt das Recht: Grundsätzlich ist kein Küstenland dazu verpflichtet, Munition aus dem Meer zu bergen. 

Sind die Bomben erst mal durchgerostet, wird die Katastrophe eine reale Möglichkeit. «Wir können nicht sicher sein, dass die Messwerte von TNT so hoch werden, dass sie wirklich Probleme machen», sagt Dr. Aaron Beck vom Kieler Forschungsinstitut GEOMAR. «Aber ausschliessen können wir es auch nicht.» Das rostrote Gebäude aus Cortenstahl, in dem Beck arbeitet, ähnelt dem Bruchstück einer Seemine, die er in der Lagerhalle gegen die Mittagssonne hält. Gemeinsam mit weiteren Forschungsgruppen arbeitet der Chemiker daran, das geplante Bergungsprojekt voranzutreiben. Wichtig war aus seiner Sicht vor allem der Schritt des Kartografierens und Sichtbarmachens in den letzten Jahren: Wer sieht, wie die Bomben am Meeresboden langsam zum künstlichen Riff werden, Seesterne, Algen und Fische um die Sprengköpfe wachsen und kreisen, dem wird das Paradox erst klar. Waffen, die maximal zerstören sollen, eingebettet in das Stück Natur, das Menschen sehnsüchtige Seufzer entlockt und Smartphone-Screens schmückt. Beck hat die letzten drei Jahre ein mobiles Wasseranalysegerät entwickelt, um TNT und andere Sprengstoffe im Meer zu messen. Mit dem Erforschen, Dokumentieren und Analysieren seien sie schon recht weit. «Jetzt geht es ums Machen.» 

Überraschungen an Stellen, die als sauber gelten

 
Also rausholen, wegbringen, weiterbaden? Vor allem Fischer haben seit Jahrzehnten immer wieder Munition im Netz, von Unfällen ist wenig bekannt. Einer dieser Fischer ist der 78-jährige Konrad Fischer aus Heikendorf. Er fährt heute noch mit seinem 90 Jahre alten Kutter «Maria» raus auf die See. Fischer kennt das Zeug am Meeresgrund, das grosse und das kleine. «Damit hat man nichts als Ärger», erzählt er, während er Klarschiff auf seinem Fischbratkutter «Elke» macht, von dem er samstags und sonntags Fischbrötchen verkauft, Bier und Schwarze Sau, einen Lakritz-Schnaps. Die bekannten Verklappungszonen sind eigentlich Sperrgebiet für Fischer. Da früher aber nicht nur in den dafür bestimmten Gebieten Munition von den Briten abgelassen wurde, sondern zum Teil schon auf dem Weg dorthin, gibt es immer wieder Überraschungen an Stellen, die eigentlich sauber sein sollten. Das macht es schwer, genau zu benennen, wo wirklich Munition liegt. «Man gewöhnt sich daran», findet Fischer und blättert in einem Fotoalbum, er sucht Fotos von der letzten Seemine auf seinem Kutter, mit über einem Meter Durchmesser. Er erinnert sich, dass es vor Jahrzehnten die Idee gab, Berufsfischer für die Bergung von Munition zu bezahlen. So wie sie in den Nachkriegsjahren bezahlt wurden, um die Munition dort zu verklappen, wo sie jetzt wieder raus muss. Der Vorschlag wurde abgelehnt, zu gefährlich. Ausserdem ist die Bergung von militärischem Sondermüll gesetzlich streng geregelt. Fischer erzählt, dass er mal eine Bombe aus Aluminium an Bord hatte. Er wusste, das Material ist wertvoll, deswegen hat er die Bombe bis zur Hälfte aufgeflext. «Vielleicht wars mutig, vielleicht auch dumm.» Dann hat er doch den Kampfmittelräumdienst gerufen, die «Sprengfuzzis», wie er sie nennt, hätten Augen gemacht. 

Sprengungen unter Wasser sind extrem schädlich 

Heute entscheidet vor allem der Kampfmittelräumdienst, was mit einem Bombenfund passiert. Früher habe man Seeminen und Wasserbomben zum Teil unter Wasser gesprengt, erzählt Oliver Kinast, Entschärfer und stellvertretender Leiter des Kampfmittelräumdienstes Schleswig-Holstein im provisorischen Lehrmittellager des Dienstes, einem Raum voller entschärfter, glänzender Bomben. Erst mit den Jahren und durch viel Aufklärungsarbeit von Vereinen wie dem Naturschutzbund NABU wurde klar, dass Sprengungen unter Wasser extrem schädlich für die Tierwelt sind: Ein Schweinswal kann selbst in 30 Kilometern Entfernung an den Folgen einer Explosion sterben, weil sie sein Echolot nachhaltig schädigt. Dass die Munition raus muss, ist für Kinast nicht bloss eine Frage des Umweltschutzes: In der aktuellen geopolitischen Situation sieht er Tonnen von Sprengstoff am Meeresboden als ernste Gefahr. «Ein möglicher Missbrauch von Munition im Meer könnte das subjektive Sicherheitsgefühl der Öffentlichkeit stark negativ beeinflussen und bereits in dieser Weise Schaden verursachen», sagt er. 

Oliver Kinast ist stark in das aktuelle Bergungsprojekt eingebunden. Die Idee: eine autarke Bergungsplattform auf dem Meer, die selbstständig Munition bergen und in einem sprengsicheren Ofen verbrennen kann. Aktuell werden Kriegswaffen, sofern sie entschärft oder unbezündert sind, nach Munster gebracht, in eine der wenigen Kampfmittelentsorgungsstellen in Deutschland. Gibt es dort Kapazitäten, um 1,6 Millionen Tonnen versenkte Munition zu verbrennen? «Auf keinen Fall», sagt Kinast. Munster sei heute schon mit Funden an Land komplett ausgelastet. 

In Kinasts Vorstellung funktioniert die Bergung aus dem Wasser irgendwann ohne Munster, und ohne Taucher auch. Bis dahin bleiben viele Fragen offen, das hat die Pilot-Bergung in der Lübecker Bucht 2024 gezeigt: Das Zentrum MUNIMAR wurde ins Leben gerufen, dazu gehört das GEOMAR, das Landesministerium für Umwelt Schleswig-Holstein und die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein. Nachdem die Ampelkoalition 100 Millionen Euro Sonderbudget für die Bergung bereitgestellt hatte, wurden daraus Pilotmassnahmen in der Lübecker Bucht finanziert. Warum jetzt, warum nicht schon vor 20, 30 Jahren? 

Laut Tobias Goldschmidt, Umweltminister von Schleswig-Holstein, liegt der Landesregierung das Thema schon lange am Herzen. Als erstes Bundesland habe Schleswig-Holstein signalisiert, faire finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Jährlich sind das etwa 1,19 Millionen Euro. Land, Bund und Wirtschaft wittern ausserdem ein Geschäft: Verklappte Munition in Meeren ist kein deutsches Phänomen. In Europa sind viele Küstenländer betroffen, und solange es Kriege gibt, wird das Problem global immer wieder auftauchen. Bisher gibt es keine vergleichbare Lösung für Munitionslast in den Weltmeeren. 

Zehntausende Bomben bergen dauert Jahre 

Ob das Projekt vom wirtschaftlichen Druck profitiert? Da ist Oliver Kinast vom Kampfmittelräumdienst vorsichtig. «Wirtschaftlichkeit bringt natürlich Innovation», sagt er. «Ich halte es für wichtig, dass trotzdem staatliche Stellen ein Auge darauf haben. Unternehmen wollen in erster Linie Gewinn erwirtschaften, das Beseitigen von Gefahren ist allenfalls Nebeneffekt.» Ausserdem sei noch nicht klar, wann das Projekt wirklich startet, wie lange es dauert und wie viel es schliesslich kosten wird. Das Landesministerium verweist bei allen Fragen auf den Bund. «Allein für die Lübecker Bucht, in der 30’000 bis 50’000 Tonnen Waffen liegen, wird das Jahre dauern», schätzt Kinast. Trotzdem ist er optimistisch, dass sich jetzt etwas tut. In den letzten Jahren wurde viel bewegt, um Politik und Gesellschaft klarzumachen, wie gefährlich die Situation ist. Jetzt plötzlich auf die Bremse zu treten, weil es kompliziert wird, ist keine Option. 

Im norddeutschen Kalifornien kommt Malte gerade vom Kitesurfen, der Wind ist leider ein bisschen zu schwach, er wird von seinem Kiteschirm Richtung Strand gezogen. Malte kommt aus Kiel, arbeitet als Sport- und Spanischlehrer. Er ist an der Ostsee aufgewachsen. Von der Kriegsmunition unter Wasser hat er noch nie gehört. Auch Pauli nicht, seine Freundin, die am Strand auf ihn wartet, während er in kleinen Kunststücken über die Wasseroberfläche fegt. Sie unterrichtet Biologie und Geographie und sagt dennoch: In den Schulen sei das kein Thema. Eben, in diesem Kalifornien ist die Welt noch in Ordnung. 

Elisabeth Krainer

Die Journalistin und Autorin, Jahrgang 1992, schreibt schwerpunktmässig über Gesellschaft, Kultur und Reisen. Ihre Texte erscheinen u.a. in der «Süddeutschen Zeitung», in der «Vogue» und im «Condé Nast Traveller». Die gebürtige Österreicherin lebt in München.